Haltung im Journalismus: Die Verteidigung (nicht nur) der Fakten
MH
11/21/20252 min read
In einer Ära der Fake News, des substanzlosen Gekläffes in den sozialen Medien und des grassierenden Populismus steht der Journalismus an einem fundamentalen Scheideweg. Es geht nicht mehr nur darum, Informationen zu sammeln, sondern darum, die Grundlage unserer öffentlichen Debatte zu verteidigen.
Vorsicht ist geboten, wenn besonders laut und vehement auf "Offenheit", "Faktentreue" und "Meinungspluralismus" verwiesen wird. Diese Vokabeln werden nicht selten als rhetorische Schutzschilde missbraucht, um wissenschaftsferne Positionen oder ideologisch motivierte Thesen in den seriösen Diskurs einzuschleusen und sie vor berechtigter Kritik zu immunisieren.
Auch Journalisten, die sich mit viel Pathos zum Kampfpiloten gegen die "bösen Mächtigen" aufschwingen, erweisen sich am Ende oft als intellektuelle Tiefflieger. Die Kollateralschäden können dabei verheerend sein.
Die Illusion der neutralen Platte. Lange Zeit galt Neutralität als das höchste Gut. Heute wird sie oft missverstanden als die Verpflichtung, populistische oder wissenschaftsferne Thesen gleichberechtigt neben fundierten und wissenschaftlich nachgewiesenen Fakten zu platzieren. Diese falsch verstandene "Ausgewogenheit" ist nicht notwendiger Pluralismus, sondern intellektuelle Fahrlässigkeit.
Journalismus heißt Einordnung. Die Aufgabe des Autors und des Reporters ist es, die Hierarchie der Relevanz und Glaubwürdigkeit transparent zu machen. Wenn ein Fakt auf 100 Jahre Forschung beruht und die Gegenthese auf einem anonymen Social-Media-Post, ist es ein Fehler der Haltung, diese gleichrangig zu behandeln. Ein solcher Ansatz verwischt die Grenze zwischen Wahrheit und Behauptung und wird so zur Gefahr für eine aufgeklärte Gesellschaft.
Die Kernwerte als Kompass. Wo die Öffentlichkeit mit Verschwörungstheorien und Desinformation geflutet wird, muss der Journalismus als Bollwerk der Vernunft agieren. Das erfordert eine klare Positionierung:
1. Für die Verfassung und Demokratie: Die Pressefreiheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg und eine Pflicht. Journalismus muss sich aktiv für die institutionellen Grundlagen der Gesellschaft einsetzen, die seine eigene Existenz ermöglichen.
2. Für die Wissenschaft und die Fakten: Haltung bedeutet, die Erkenntnisse der Wissenschaft und fundierte Beweise zu akzeptieren und zu verteidigen, selbst wenn sie politisch unpopulär sind.
3. Gegen den Populismus: Journalismus muss die Mechanismen des Populismus – die Vereinfachung komplexer Probleme, das Schüren von Angst und die Spaltung der Gesellschaft – offenlegen und ihnen die differenzierte Realität entgegenstellen.
Haltung ist keine Ideologie, sondern eine Methodik. Sie ist die Entscheidung, die journalistische Sorgfaltspflicht auch mal über die Klickrate zu stellen und die Verpflichtung einzugehen, nicht nur zu informieren, sondern die Bürger in die Lage zu versetzen, fundierte Entscheidungen zu treffen.
In Zeiten des Wandels wird der Journalismus nur dann seine gesellschaftliche Relevanz behalten, wenn er den Mut hat, klar Flagge zu zeigen: Für die Fakten, für die Aufklärung und damit für die Demokratie.


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